LOOK AT GAVORRANO

 

Zur Begegnung von Natur und Kultur bei Helmut Nindl

Die Arbeit „LOOK AT GAVORRANO“ von Helmut Nindl befindet sich seit 2012 in Besitz des Landes Tirol. 2005 für das Ausstellungsprojekt „Falda per Falda“ in Gavorranao (I) entstanden, gehört sie zu den Werken mit dem für Nindl typischen Material Floatglas, das der an der HTL KRAMSACH GLAS UND CHEMIE lehrende Bildhauer zwischen 2000 und 2008 in einer Reihe von Werken immer wieder verwendet hat: RAUMMEDIUM, 2000, SINNE, 2003, VIEW-SICHT, 2005, POSITIONEN und ORT DER SINNE, 2006.

Von der Dimension her, zählt die Skulptur zu den großen Werken des Künstlers. In seiner Höhe von 250 cm wird es nur von wenigen, dezidiert für Kunst am Bau geschaffenen Auftragsarbeiten übertroffen. Das untere Drittel der 70 cm breiten und 8 cm starken und von einer Halterung aus Edelstahl getragenen Glasplatte ist als opake, nach oben hin unregelmäßig abgeschlossene Fläche ausgeführt. Sie spiegelt den unregelmäßigen Verlauf der die Stadt umgebenden Büsche und Bäume widerspiegelt. Am Beginn des oberen Drittel des Glases eingraviert ist eine quer verlaufende Linie. Sie korrespondiert mit der Dachlandschaft von Gavorrano, gesehen vom Blickwinkel des in großer Entfernung gelegenen Aufstellungsortes der Skulptur im Freien. In die Silhouette integriert sind rechts von der Mitte eine konvexe und links eine konkave Linse. Am linken Rand darunter eingraviert ist der in eine eckige Klammer gesetzt Begriff CULTURE. In die Edelstahl Halterung eingelassen ist eine Lichtinstallation mit Power-LEDs, deren Licht das Glas im unteren Teil und im oberen Bereich der Skyline des Ortes Gavorrano beleuchtet.

Soweit zur äußeren Beschreibung der zum Durchschauen und als Durchsicht angelegten Arbeit, deren Inhalt sich auf mehreren Ebenen erschließt. Zum einen ist es das Zusammentreffen von Vergangenheit und Gegenwart, hervorgerufen durch den Blick durch das Glas bzw. die darin eingearbeiteten Linsen auf das auf einem Hügel gelegene mittelalterliche Städtchen. Während die Durchsicht durch das Glas die Stadt in ihrem äußeren, historischen wie gegenwärtigen Erscheinungsbild wiedergibt, verwandeln die beiden Linsen den Blick auf die Stadt in ein kaleidoskopartiges Gebilde: die Häuser erscheinen durch die Konkavlinse auf dem Kopf gestellt, während die Konvexlinse den Hügel und die darauf errichtete Stadt in verkleinerter Form in die weite Ferne rückt. Die beiden Linsen stehen damit für unterschiedliche Sicht – und Herangehenswesen der Betrachtung. Sie verdeutlichen, dass jegliche Leseart und Interpretation durch die individuelle Erfahrung, Bildung, Wissen und kulturelle Herkunft bedingt ist. Beide Linsen fungieren gleichsam als Brille, die den allgemeinen Blick auf das Sichtbare schärfen, aber auch korrigieren. Unterstrichen wird dies darüber hinaus durch den Einsatz des Lichtes, das die opake Glasfläche, Linsen und die in das Glas eingravierte Silhouette akzentuiert und somit verstärkt zur Wirkung bringt.

Zum anderen ist es aber das Material selbst, das wesentlich zur Lesbarkeit der Arbeit beiträgt. Floatglas, Edelmetall und Neonlicht sind Materialien des 20. Jahrhunderts. Sie unterstreichen den zeitgenössischen Blick auf Historisches und Vergangenes, d.h. auf Geschichte ebenso wie auf die damit verbundene Kultur. Gegenwart trifft somit auf Vergangenheit, Persönliches und Individuelles auf Gesellschaftliches und Gewachsenes.

In der Kunstwissenschaft gibt es den Begriff „Belvedere“. Dieses aus dem italienischen stammende Wort, das seine Entsprechung im franz. „Bellevue“ hat, bezeichnet einen besonders hervorgehobenen und zumeist architektonisch gestalteten Aussichtpunkt, der eine gute Fernsicht auf eine reizvolle Landschaft oder Anlage ermöglicht. Helmut Nindl operiert in „LOOK AT GAVORRANO“ mit diesem Topos der „schönen Aussicht“, der besonders im 19. Jahrhundert als Inbegriff einer besonderen Landschaft- und Naturerfahrung Anwendung gefunden hat. Sein „Belvedere“ entspringt jedoch weniger einer rein beschaulichen Sicht auf Gavorrano, sondern hat vielmehr mit einem Sehen im medialen Zeitalter zu tun. „LOOK AT GAVORRANO“ stellt die Frage nach dem Hier und Heute ebenso wie dem Wesen von Natur und Kultur ohne dabei das eine oder andere aus dem Auge zu verlieren.


Dr. Günther Dankl
KUSTOS - KUNST AB 1900
TIROLER LANDESMUSEUM FERDINANDEUM

LOOK AT GAVORRANO
LOOK AT GAVORRANO Floatglas, Gravur, Licht, Linsenschliffe, Edelstahl, 700 x 80 x 2.500 mm Innsbruck, Landesmuseum Ferdinandeum Film auf YOUTUBE
LOOK AT GAVORRANO, Detail 2
LOOK AT GAVORRANO, Detail 2 Floatglas, Gravur, Licht, Linsenschliffe, Edelstahl, 700 x 80 x 2.500 mm Innsbruck, Landesmuseum Ferdinandeum Film auf YOUTUBE

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