Glaskubus Rattenberg

 

........ Dazu kommt das karge Material des Betons, das die Art Brut, die sog. “rohe Kunst” gern verwendet. Es ist nicht das edle Material, die Bronze, der polierte Granit, sondern es sind die dem Parkplatz angepasste Farbigkeit, der leicht unebene Charakter, welche die Stele kennzeichnen. Eingesetzte Glasöffnungen und ein Glasaufsatz bilden einen krassen Gegensatz dazu. Beinahe könnte man die Stele als technisch funktionalen Pfeiler der Verkehrsanlage wahrnehmen, so geschickt fügt sie sich in ihr Umfeld aus Bodenbelag, Randsteinführung und Hinweisschildern ein, wären da nicht die kleinen Abweichungen. - Und auf die kommt es an. - Helmut Nindl beherrscht die Zwischentöne, die spitzen Fragen und kleinen Anspielungen, die so viel spannender sind als die plumpe Aussage. Gerade wo das Material sich mimetisch, also angepasst zur Umgebung verhält, fallen Unterschiede auf.

Während der derbe Beton nur den Kontext der Anlage reflektiert, sprengt das Glas sein Gehäuse und gibt Einblicke frei. Das als transparent bekannte Material, das sich nach oben entwickelt und ausdehnt, gewinnt eine Kompaktheit, die bei Tageslicht mit dem Baustoff Beton konkurriert. Nachts aber, wenn die Lichtstrahlen der Beleuchtung im Inneren des Kubus das Glas durchbrechen, wird dieses in seiner Transparentheit erfahrbar. Glas wird zum immateriellen Lichtkörper.
Die gleichartigen, seriellen Würfel beginnen sich leicht zu verdrehen, irritieren durch die Spannung aus exakter Form und davon abweichender Verschiebung, die man schon genau anschauen muss, um sie richtig einzuordnen. Bei entsprechendem Licht deuten nur die Schatten an den Rändern der Fugen auf die Labilität des Pfeilers hin. Bewegung entwickelt sich ganz langsam, dafür umso bedrohlicher.

Mobilität und Geschwindigkeit sind Themen, die uns beschäftigen, vor allem, wenn wir ihre Folgen im Auge behalten. Kein zu vernachlässigendes Problem im Inntal, dem Aufstellungsort des Kunstwerkes.
Insofern ist der Hinweis auf die Glasherstellung der mittelalterlichen Stadt Rattenberg nicht nur ein praktischer - immer schon wurde das Material der Gegend bevorzugt verwendet -, sondern das Glas, die Schichtung einzelner Glasplatten, hat auch die Funktion eines Spiegels. Während der Betonkörper vor allem Bestandteil der Parkplatzanlage ist, die ein notwendiges Übel unserer Zeit darstellt, und zwar inmitten einer einmaligen Naturlandschaft mit ihrer Extremlage zwischen Inn und Gebirge, spiegelt sich eben dieses Gebirge, das Sonnwendjoch, im Kopfteil der Plastik wider.
Gegenwart und Geschichte verbinden sich also, ohne Beschönigung.

Die Gegenwart als Erfordernis der Zeit und die Verbundenheit mit der Geschichte, mit der intakten, unveränderten Naturlandschaft. Wo sie fehlt, weil sie einer Anlage weichen musste, ist sie wenigstens als Spiegelung noch anwesend.

Prof. Dr. Hannah Stegmayer, Kunsthistorikerin, München

Rede zur offiziellen Übergabe in Rattenberg, 1997

GLASKUBUS RATTENBERG
GLASKUBUS RATTENBERG Beton, Edelstahl, Floatglas, Licht 900 x 900 x 3.900 mm, 1997
GLASKUBUS RATTENBERG, Detail 1
GLASKUBUS RATTENBERG, Detail 1 Beton, Edelstahl, Floatglas, Licht 900 x 900 x 3.900 mm, 1997
GLASKUBUS RATTENBERG, Detail 2
GLASKUBUS RATTENBERG, Detail 2 Beton, Edelstahl, Floatglas, Licht 900 x 900 x 3.900 mm, 1997

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HELMUT NINDL - Bildhauer/Sculptor

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